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Beinwickel (Winingas, Leg Wraps, Wickelbänder) im frühen Mittelalter
Praktisches Kleidungsstück und Symbol historischer Authentizität
Beinwickel, auch unter den englischen Bezeichnungen Leg Wraps, dem altenglischen Winingas oder den deutschen Begriffen Wickelbänder bzw. Beinwickel bekannt, gehören zu den markantesten Bestandteilen der Männerkleidung des frühen Mittelalters. Im nächsten Beitrag werfen wir dann einen Blick auf Beinwickel im weiblichen Gewand!
Obwohl sie heute meist mit den Wikingern in Verbindung gebracht werden, reicht ihre Geschichte deutlich weiter zurück. Sie waren in der germanischen, angelsächsischen und später auch in der skandinavischen Welt weit verbreitet. Archäologische Funde sowie zeitgenössische Darstellungen zeigen, dass Beinwickel eine einfache, aber äußerst wirkungsvolle Möglichkeit boten, die Unterschenkel vor Kälte, Nässe und mechanischer Beanspruchung zu schützen.
Lothar I. (795–855), Enkel Karls des Großen und Sohn Kaiser Ludwigs des Frommen.
Was sind Beinwickel?
Beinwickel sind lange, schmale Streifen aus gewebtem Wollstoff, die spiralförmig um die Wade gewickelt werden – entweder vom Knöchel bis unter das Knie oder umgekehrt. Im Gegensatz zu modernen Socken oder Kniestrümpfen mussten sie nicht genäht werden; entscheidend war vielmehr eine hochwertige Webtechnik.
Typische Merkmale:
- etwa 7–10 cm breit,
- empfohlene Länge 3–4 Meter,
- direkt in der gewünschten Breite gewebt und nicht aus größerem Stoff zugeschnitten und gesäumt,
- überwiegend aus Wolle gefertigt,
- gewebt in Fischgrätbindung, Leinwandbindung oder Diamantköper (gebrochener Doppelköper).
Archäologische Funde aus Haithabu
Die bekanntesten erhaltenen Fragmente von Beinwickeln stammen aus dem bedeutenden Wikinger-Handelszentrum Haithabu (Hedeby) im heutigen Schleswig-Holstein. Die Siedlung gehörte zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert zu den wichtigsten Handelsplätzen Nordeuropas und liefert dank ihrer außergewöhnlich gut erhaltenen Textilien wertvolle Einblicke in die Kleidung der Wikingerzeit.
Die schwedische Textilarchäologin Inga Hägg beschrieb mehrere Fragmente von Beinwickeln, die in den Hafenschichten von Haithabu entdeckt wurden. Die erhaltenen Stücke zeigen, dass mindestens zwei Grundtypen existierten:
- schmalere Beinwickel in Leinwand- oder Köperbindung,
- breitere Varianten mit auffälliger Fischgrätbindung (Herringbone).
Obwohl kein vollständiges Exemplar erhalten geblieben ist, weisen alle Fragmente einen sehr ähnlichen Aufbau auf. Dies spricht dafür, dass Beinwickel zur üblichen Kleidung gehörten und keineswegs eine Ausnahme darstellten.
Wozu dienten Beinwickel?
Ihr Nutzen war in erster Linie ganz praktischer Natur.
Schutz vor Kälte
Wolle isoliert hervorragend – selbst dann, wenn sie feucht wird. Dadurch blieben die Waden auch bei winterlichen Reisen oder während der täglichen Arbeit angenehm warm.
Schutz der Hosen
Hosen waren im frühen Mittelalter wertvolle Kleidungsstücke. Beinwickel schützten die unteren Hosenbeine vor Abrieb durch Gras, Gestrüpp oder den Sattel beim Reiten.
Selbst ausprobiert: Feine Wollhosen bleiben mit Beinwickeln deutlich seltener an Brombeerranken hängen – ein kleiner Vorteil, den man schnell zu schätzen lernt.
Stabilisierung der Beine
Das feste Umwickeln der Waden gab der Muskulatur zusätzlichen Halt – ähnlich wie spätere militärische Wickelgamaschen oder moderne Kompressionsbandagen.
Schutz der Schuhe
Wurden die Beinwickel bis über den Spann geführt, verhinderten sie außerdem, dass Schlamm, Schnee oder kleine Steine in die Schuhe gelangten.

Wie wurden Beinwickel getragen?
Gerade die Art des Tragens wird unter Historikern bis heute diskutiert. Eines steht jedoch fest: Auf zeitgenössischen Darstellungen begegnen uns Beinwickel sowohl bei Adligen als auch bei einfachen Menschen.
Variante 1: Vom Knöchel zum Knie
Diese Wickeltechnik erinnert an die militärischen Wickelgamaschen des 19. und 20. Jahrhunderts. Der Beinwickel beginnt am Knöchel und wird spiralförmig bis knapp unter das Knie gewickelt. Dort wird er mit einem kleinen Metallhaken oder einer anderen Befestigung gesichert – über diese Haken haben wir bereits in einem früheren Beitrag gesprochen.
Für diese Trageweise sprechen verschiedene Metallhaken, die in Skandinavien, der Kiewer Rus und auf den Britischen Inseln gefunden wurden. Viele Forscher gehen davon aus, dass sie genau zur Befestigung von Beinwickeln dienten.
Variante 2: Vom Knie nach unten
Neuere Rekonstruktionen auf Grundlage der Funde aus Haithabu zeigen jedoch noch eine zweite Möglichkeit. Dabei beginnt das Wickeln unmittelbar unterhalb des Knies und verläuft nach unten. Das Ende wird anschließend unter den Fuß oder in den Schuh geführt.
Durch die raue Oberfläche der Wollbänder entsteht genügend Reibung, sodass die Wickel oft sogar ohne zusätzlichen Verschluss sicher sitzen.
Gerade diese Trageweise gilt unter vielen Reenactors als besonders komfortabel und hat sich bei langen Märschen ebenso wie bei körperlicher Arbeit hervorragend bewährt.
Waren Beinwickel ausschließlich eine Erscheinung der Wikingerzeit?
Ganz eindeutig: Nein.
Beinwickel sind bereits aus der römischen Kaiserzeit bekannt und wurden später von verschiedenen germanischen Stämmen übernommen. Während der Völkerwanderungszeit und im gesamten frühen Mittelalter gehörten sie in vielen Regionen Europas zur alltäglichen Kleidung.
Archäologische Funde und bildliche Darstellungen belegen ihre Verwendung unter anderem bei:
- den Angelsachsen,
- den Dänen,
- den Franken,
- verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Heiligen Römischen Reiches.
Ein besonders bekanntes ikonographisches Zeugnis ist der Bayeux-Teppich aus dem 11. Jahrhundert. Dort sind Beinwickel an zahlreichen Kriegern und anderen dargestellten Personen deutlich zu erkennen.
Welche Farben sollte man wählen?
An den erhaltenen Textilien aus Haithabu konnten die ursprünglichen Farbstoffe nur selten eindeutig bestimmt werden. Daher geht man heute davon aus, dass vor allem natürliche Farbtöne verwendet wurden:
- Grau,
- Braun,
- Naturweiß – also die Farbe ungefärbter Schafwolle,
- Ocker- und Gelbtöne, die sich aus vielen heimischen Pflanzen gewinnen ließen,
- sowie gedeckte Grün- oder Rotbrauntöne.

Die durchgestrichenen Farben in der Übersicht stehen für besonders kostbare und aufwendig herzustellende Farbtöne. Die übrigen Farben lassen sich mit natürlichen Färbemethoden vergleichsweise leicht erzielen.
Kräftige und intensive Farben – insbesondere Rot und Blau – waren deutlich teurer und für die meisten Menschen kaum erschwinglich.
Wer jedoch einen wohlhabenden Händler, einen Krieger höheren Standes oder gar den Adel darstellen möchte, darf ruhig etwas mutiger sein.
Und warum nicht gleich die gesamte Gefolgschaft in den Farben ihres Herrn ausstatten? Schließlich sollte jeder schon von Weitem erkennen, dass euer Anführer es sich leisten kann. Zwinker, zwinker.
Beinwickel im modernen Reenactment
Heute gehören Beinwickel zur Grundausstattung der meisten Reenactors, die das 9. bis 11. Jahrhundert darstellen. Sie sind nicht nur archäologisch belegt, sondern auch erstaunlich praktisch.
Für eine möglichst authentische Rekonstruktion empfiehlt sich:
- 100 % Wolle verwenden,
- eine Leinwand-, Fischgrät- oder Diamantköperbindung wählen,
- eine Breite von etwa 8–10 cm,
- eine Länge von 3–4 Metern.
Ein persönlicher Tipp: Wenn die Beinwickel ständig verrutschen, sind sie meist einfach zu kurz. Die paar Euro für einen halben Meter mehr Stoff lohnen sich auf jeden Fall – lieber etwas länger als zu knapp.
Ebenso wichtig ist die Herstellung. Beinwickel sollten nicht aus normalem Stoff ausgeschnitten und umsäumt werden. Historisch korrekt sind gewebte Bänder mit festen Webkanten.
Wie befestigt man Beinwickel?
Im Laufe der Jahre haben sich im Reenactment verschiedene Methoden bewährt:
Omegaförmige Fibel
Eine kleine Omegafibel ist die schnelle und unkomplizierte Lösung – einfach, zuverlässig und oft aus Gewohnheit die erste Wahl.
Angenähte Haken
Die klassische Variante. Kleine Metallhaken werden direkt am Ende des Beinwickels angenäht und im Gewebe eingehakt. Historisch gut belegt und bis heute die wohl am häufigsten verwendete Methode.
Haken an einem Textilband
Eine besonders elegante Lösung besteht darin, am Ende des Beinwickels ein schmales Brettchengewebeband oder ein anderes gewebtes Band anzunähen. Der Metallhaken greift dann in dieses Band und nicht direkt in den Wollstoff.
Das schont das Gewebe erheblich, hält oft besser und verlängert die Lebensdauer der Beinwickel deutlich.
Eine Lösung für alle, die irgendwann anfangen, über jedes Detail ihrer Ausrüstung nachzudenken.
Lederriemen
Auch Lederriemen – schlicht oder reich verziert – können als zusätzliche Befestigung dienen. Mit Haken oder kleiner Schnalle versehen, sind sie eine funktionale und zugleich sehr attraktive Lösung.
Reenactment-Level: Meister.
Fazit
Beinwickel gehören zu den unscheinbaren, aber wichtigsten Bestandteilen der Kleidung des frühen Mittelalters. Archäologische Funde – insbesondere aus Haithabu, aber auch aus zahlreichen weiteren Fundorten – sowie zeitgenössische Bildquellen belegen ihre weite Verbreitung in ganz Europa.
Ihre Vorteile liegen auf der Hand: Sie schützten die Beine vor Kälte und Nässe, verlängerten die Lebensdauer der Kleidung und sorgten für zusätzlichen Komfort bei langen Märschen, auf Reisen oder bei der täglichen Arbeit.
Die Kombination aus archäologischen Funden, historischen Darstellungen und experimenteller Archäologie zeigt heute deutlich, dass Beinwickel weit mehr waren als ein typisches „Wikinger-Accessoire“. Sie gehörten über Jahrhunderte hinweg zur Alltagskleidung vieler Menschen in Nord- und Mitteleuropa.
Zum Schluss …
Wer authentisch gewebte und pflanzengefärbte Beinwickel sowie hochwertige Repliken historischer Haken, Fibeln und Schnallen sucht, wird HIER fündig.

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